Das Ende der Tierversuche – wie die EU in ethischer und innovativer Forschung die Führung übernehmen kann

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass die Europäische Union ihre Richtlinie zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere erließ. Die Umsetzung in den Mitgliedsländern erfolgte schleppend, die EU griff kaum ein. Im November wird nun der Bericht veröffentlicht, inwieweit die Richtlinie auch tatsächlich gewirkt hat. Im EU-Parlament sprachen dazu Muriel Obriet und Dr. Roland Cash. Ihr Befund ist ernüchternd: es gab keinerlei Rückgang der Tierversuche und auch die Anzahl der besonders schwerwiegenden Experimente, bei denen die Tiere also massiv leiden müssen, hat sich nicht reduziert seit Einführung der Richtlinie! Das Ziel wurde also deutlich verfehlt.

Die Expert*innen schlagen vor, dass möglichst transparent über diese traurige Entwicklung breit diskutiert wird und dass die Kommission aufgefordert wird, eine neue Richtlinie zu erarbeiten. In dieser müssen verbindliche Vorgaben gemacht werden, bspw. ein schrittweises Verbot von Tierversuchen in konkreten Bereichen. Denn die Erfahrung hat gezeigt, dass dies eine funktionierende Herangehensweise ist. So konnten Tierversuche für Kosmetika erfolgreich unterbunden werden, was innovative neue Testmethoden beförderte und insgesamt zu besseren Resultaten für die Verbraucher führte.

Tierversuche behindern den Fortschritt, so sind sich die Expert*innen in der empirischen Analyse einig. Zudem muss die neue Richtlinie auch konkrete Vorhaben für die Finanzierung der Erforschung alternativer Testmethoden enthalten. Beispielsweise muss das enorme Potenzial von Big Data ausgenutzt werden. Es gibt einige Organe, die leicht zu simulieren sind, aber auch einige, die nur mit völlig neuen Herangehensweisen simuliert werden können, wie es etwa bei den Abermilliarden Wechselwirkungen innerhalb des Gehirns der Fall ist. Aber das kann nur gelingen, wenn Tierversuche als gestrige Methode verbannt wird und endlich die Forschungsgelder adäquat in die neuen Methoden überwechseln. Es kann nicht sein, dass aus reinen Profitgründen weiterhin Versuchstiere gezüchtet werden und die entsprechende Lobby jeden Fortschritt verhindert! Die EU muss ein Validisierungszentrum errichten, um den Weg frei zu machen für innovative Ansätze wie bspw. Multi-Organs-Chips oder gar Body-on-a-Chip.Tierversuche dürfen nicht mehr der gesetzliche Goldstandard sein, während alternative Methoden unüberwindbaren Hürden ausgesetzt sind, obwohl nur mit ihnen die großen medizinischen Fortschritte gelingen können.

Zudem braucht es eine internationale Datenbank mit den Ergebnissen sämtlicher erfolgten Tierversuche, so dass die unzähligen mehrfach vorgenommen Experimente durch den Zugriff auf bereits vorhandene Studien unnötig werden. Martin Buschmann ist innerhalb der Intergroup for Animal Welfare des Europaparlaments für den Bereich Tierversuche zuständig und wird sich für die Umsetzung der von Obriet und Cash vorgeschlagenen Reformen einsetzen.